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DIATRA Kompass – Juli 2026

Was ist los bei Nierenmedizin, Transplantation, Organ- und Gewebespende und Gesundheitspolitik? Der DIATRA Kompass Juli 2026 schaut auf die wichtigsten Entwicklungen – und darauf, was sie für Betroffene, Angehörige und Fachkreise bedeuten.
Titelbild des DIATRA Kompass Juli 2026 mit Blick in den Deutschen Bundestag. Schlagwörter verweisen auf Widerspruchsregelung, DCD, Warteliste, Nierenerkrankung, Früherkennung und GKV-Reform.

Was aktuelle Entwicklungen für Patient:innen, Angehörige und Fachkreise bedeuten.

Hallo!

Sommerloch? Da hat wohl jemand vergessen, der Medizin Bescheid zu sagen.

Seit dem letzten DIATRA Kompass ist einiges passiert: Im Bundestag wurde erneut über die Widerspruchsregelung debattiert, Fachleute fordern eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Organspende nach Herz-Kreislauf-Tod (DCD) und ein Moraltheologe zeigt auf, wie sich Widerspruchslösung, Selbstbestimmung und Nächstenliebe vereinen lassen.

Dazu kommen neue Zahlen zur Organspende, Nierenerkrankungen, die viel zu lange unentdeckt bleiben, ein neuer Klinikverbund und ein Dialysezentrum, das früher schließen muss als geplant.

Ach ja, und dann wären da noch die GKV-Reform und die Sache mit der „Eigenverantwortung“.

Los geht’s.


Organspende: Jetzt wird es grundsätzlich

Widerspruchsregelung und DCD – reden wir endlich darüber!

Bei unserem jüngsten DIATRA-Netzwerktreffen am 22. Juni diskutierten Teilnehmende aus den Bereichen Transplantationsmedizin, Ethik, Politik und Patientenvertretung über die Widerspruchsregelung und die Organspende nach Herz-Kreislauftod (DCD).

Der Konsens: Wer den Organmangel ernsthaft bekämpfen will, sollte zumindest bereit sein, über beides ernsthaft zu sprechen.

Auch bei der Widerspruchsregelung darf natürlich weiterhin jeder Nein sagen. Die vielleicht viel wichtigere Frage ist jedoch, was passiert, wenn jemand zu Lebzeiten gar nichts sagt. Denn dann müssen in Deutschland die Angehörigen entscheiden – und das ausgerechnet in einem Moment, in dem sie gerade einen geliebten Menschen verlieren.

Auch bei der DCD geht es um Selbstbestimmung: In Deutschland können Menschen nach einem Kreislauftod keine Organe spenden, selbst wenn sie das zu Lebzeiten ausdrücklich wollten. In vielen europäischen Ländern ist das längst anders.

Widerspruch und DCD – ein ethischer Imperativ
Warum Fachleute die Widerspruchsregelung und die DCD als wichtige Bausteine gegen den Organmangel sehen.

DIATRA-Netzwerktreffen: Widerspruchsregelung und DCD im Mittelpunkt
Was fordern Fachgesellschaften und Patientenorganisationen? Wo steht Deutschland im europäischen Vergleich?

Video: DCD und der letzte Wille
Ein Film des Deutschen Herzzentrums der Charité über DCD und was es bedeutet, wenn ein Organspendewunsch unerfüllt bleibt.


Wie lange soll die Nichtentscheidung eigentlich noch entscheiden?

Am 25. Juni wurde im Bundestag erneut über die Widerspruchsregelung diskutiert.

Natürlich gibt es ethische Fragen und rechtliche Bedenken. Für die Menschen auf der Warteliste geht es dabei aber um etwas sehr Konkretes: ihre Chance auf ein Spenderorgan.

Manche warten so lange, bis eine Transplantation medizinisch nicht mehr möglich ist. Andere schaffen es gar nicht erst auf die Warteliste.

Gleichzeitig gilt: Hat ein Mensch keine Entscheidung dokumentiert, sollen seine Angehörigen im schlimmsten Moment ihres Lebens sagen, was er wohl gewollt hätte.

Da stellt sich die Frage, wer hier am Ende wirklich entscheidet.

Wie lange soll die Nichtentscheidung noch über Leben entscheiden?
Zur Bundestagsdebatte, zur Rolle der Angehörigen und zur Frage, wie viel Nichtentscheidung sich Deutschland noch leisten will.


Die ethische Perspektive

Die Widerspruchsregelung hat viele Befürworter:innen. Entscheidend ist aber auch die Frage, unter welchen Bedingungen sie mit Selbstbestimmung vereinbar ist.

In einem Gastbeitrag setzt sich der Moraltheologe und christliche Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Peter Schallenberg mit Patientenautonomie, Solidarität und Nächstenliebe auseinander.

Seine Position: Eine Widerspruchslösung kann ethisch vertretbar sein, wenn die freie Entscheidung gewahrt bleibt.

Und genau deshalb lohnt sich dieser Blick.

Gastbeitrag von Prof. Dr. Peter Schallenberg: Organspende und Widerspruchslösung
Wie Widerspruchslösung, Selbstbestimmung und Nächstenliebe zusammenpassen können.


Mehr Organspender:innen. Und immer noch kein Grund zur Entwarnung.

Im ersten Halbjahr 2026 ist die Zahl der postmortalen Organspender:innen in Deutschland gestiegen – von 474 im Vorjahr auf 500 –, ebenso die Zahl der gespendeten Organe.

Das ist erfreulich. Punkt.

Aber Ende Juni warteten im Eurotransplant-Verbund noch immer 13.466 Menschen auf ein Organ, davon 7.949 in Deutschland.

Doch diese Zahlen erzählen nur einen Teil der Wahrheit. Denn auf einer Warteliste stehen nur Menschen, die tatsächlich gelistet wurden.

Also: Ja, die Entwicklung ist positiv.

Und ein zähneknirschendes Ja, denn das Problem bleibt weiterhin ungelöst.

Transplantation, Organspende, Warteliste: Die Zahlen für das erste Halbjahr 2026


Nephrologie: Das Problem mit der Ruhe vor dem Sturm

Chronische Nierenerkrankungen haben eine ziemlich fiese Eigenart: Sie haben oft über lange Zeit hinweg keine spürbaren Auswirkungen.

Viele Betroffene fühlen sich gesund, obwohl ihre Nieren bereits geschädigt sind. Laut der European Renal Association (ERA) leben in Europa mehr als 93 Millionen Erwachsene mit einer chronischen Nierenerkrankung. Rund 30 Prozent der Fälle bleiben unerkannt.

Für die Früherkennung sind vor allem zwei Werte wichtig: die eGFR und Albumin im Urin. Besonders bei Diabetes, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Adipositas sollte genauer hingeschaut werden.

Denn je früher eine Nierenschädigung entdeckt wird, desto früher kann sie behandelt werden.

Eigentlich ist das keine besonders komplizierte Idee. Man muss die Untersuchungen nur durchführen.

Chronische Nierenerkrankung: Erkennen, bevor es zu spät ist


Drei Unikliniken bündeln ihre Expertise in der Nephrologie

Die Unikliniken Köln, Aachen und Düsseldorf haben ein neues „Center of Excellence in Nephrology“ (CEN) gegründet.

Die Idee dahinter ist erfreulich einfach: Wissen teilen und neue Erkenntnisse schneller bei Patient:innen ankommen lassen.

Kurz gesagt: Weniger für sich allein herumbosseln, mehr gemeinsam machen.

Ein Verbund gegen die „stumme Epidemie“


Gesundheitspolitik: Verantwortung? Gerne. Aber dann bitte für alle!

Die GKV-Finanzreform ist beschlossen. Patient:innen müssen künftig höhere Zuzahlungen leisten, Versicherte werden zusätzlich belastet.

Und natürlich fällt dann wieder dieses eigentlich sehr schöne Wort: Eigenverantwortung.

Nur mal ehrlich: Wie viel mehr Eigenverantwortung soll ein Mensch mit einer chronischen Erkrankung eigentlich noch übernehmen?

Dialysepatient:innen verbringen Woche für Woche viele Stunden in Behandlung. Transplantierte müssen täglich Medikamente nehmen, um ihr Organ zu erhalten. Menschen mit Diabetes kontrollieren ihre Werte und organisieren ihre Therapie.

Menschen mit chronischen Erkrankungen tragen längst Verantwortung. Und zwar jeden einzelnen Tag.

Natürlich muss die gesetzliche Krankenversicherung solide finanziert sein. Aber vielleicht sollte der Staat bei sich selbst mit demselben Eifer hinschauen, mit dem er von Patient:innen Kostenbewusstsein verlangt.

5,8 Milliarden beschaffte Schutzmasken während der Corona-Pandemie und mehr als 3,4 Milliarden vernichtete oder noch zu vernichtende Masken sind jedenfalls ein guter Anlass, über Verantwortung zu sprechen.

Über die Verantwortung aller.

Chronisch kranke Menschen sind nicht das Problem eines solidarischen Gesundheitssystems. Sie sind einer der wichtigsten Gründe, warum wir überhaupt eines benötigen. Hierzu unser Kommentar:

Verantwortung ist keine Einbahnstraße


Zum Schluss noch eine Frage:

Welche Themen würdet ihr gerne häufiger im DIATRA-Kompass lesen?

Mehr konkrete Informationen für Patientinnen und Patienten sowie Angehörige? Mehr Gesundheitspolitik, Organspende oder Nierenmedizin? Oder genau diese Mischung?

Schreibt uns gern, was euch fehlt, interessiert oder nervt: redaktion@diatra.de

Wir grüßen Euch und wünschen eine schöne Sommerzeit.

Eure freundliche DIATRA-Redaktion


Ein Zeichen für die Organ- und Gewebespende

Wie spricht man im Alltag, in der Familie, in Praxen oder Kliniken über Organ- und Gewebespende? Sichtbare Zeichen können dabei helfen, Gespräche zu eröffnen.

Auf Initiative des DIATRA-Verlags und mit Unterstützung der Deutschen Transplantationsgesellschaft (DTG) wurde das bundesweite Symbol für die Organ- und Gewebespende entwickelt. Es gibt der Organ- und Gewebespende ein gemeinsames, wiedererkennbares Gesicht – über einzelne Aktionstage hinaus.

Das Symbol darf für nichtkommerzielle Zwecke frei verwendet werden, beispielsweise in Praxen, Kliniken, Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen, Schulen oder bei Informationsveranstaltungen sowie als Tattoo, Aufkleber oder T-Shirt-Aufdruck. So kann es dazu beitragen, dass die Organ- und Gewebespende im Alltag sichtbarer wird und Menschen leichter über ihre persönliche Entscheidung sprechen.

Wer das Symbol einsetzen oder Grafikdateien erhalten möchte, kann sich gern direkt an die DIATRA-Redaktion wenden.

Symbol für die Organ- und Gewebespende ansehen und nutzen

Grafikdateien zum Symbol anfragen

bundesweites Symbol für Organ- und Gewebespende

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